Sterben ist nie weit weg von uns -
HNA, 12. August 2026

„Sterben ist nie weit weg von uns“

Mehrgenerationenhospiz Heilhaus in Rothenditmold gibt Einblicke in Alltag

Kassel – Es ist ein beiläufig geäußerter Nebensatz von Viviane Clauss, der auf den Punkt bringt, worauf der Fokus der Leiterin des Mehrgenerationenhospizes Heilhaus und ihres Teams liegt: „Jeder geht anders.“ In der Brandaustraße haben sie einen Ort geschaffen, an dem schwer kranke und sterbende Menschen zur Ruhe kommen oder beim Sterben begleitet werden können. Dabei wird jedes Bedürfnis gehört und vom Hospizteam mit Fingerspitzengefühl in die Tat umgesetzt. Zuletzt stand das Mehrgenerationenhospiz mit Blick auf die Entwicklung des Henschelareals oft im Fokus. Anwohner und Mitarbeiter befürchten Nachteile, wenn mehr Verkehr über die Brandaustraße fließt. Ein Besuch vor Ort.

Schon beim Betreten des Gebäudes wird eines deutlich: Drückende, schwere Traurigkeit ist hier nicht daheim. Auf den hellen Fluren herrscht stattdessen eine ungewöhnlich leichte Ruhe, die den generellen Umgang des Hospizes mit dem Tod widerspiegelt. „Sterben ist nie weit weg von uns. Es gehört ins Leben“, sagt Clauss. „Beim Sterben löst sich die Seele von einem Körper, der nicht mehr kann.“

Im Hospiz zu leben, bedeutet nicht, dort auch zu sterben. Immer wieder entwickeln einige der maximal acht Bewohnerinnen und Bewohner durch die stressfreie Atmosphäre neuen Lebenswillen und kehren nach einigen Wochen oder Monaten nach Hause oder in Pflegeeinrichtungen zurück. Um im Hospiz aufgenommen zu werden, muss laut Clauss eine „deutliche Limitierung des Lebens vorliegen, der Lebensbogen neigt sich Richtung Sterben“. Die starken Symptome einer Person – wie Schmerzen, Übelkeit, Krampfanfälle und Schwäche – lassen sich dabei nicht mehr ambulant oder von Angehörigen betreuen. Bei den erwachsenen Gästen sind meist Krebserkrankungen, seltener auch ALS (Erkrankung des motorischen Nervensystems) und COPD (unheilbare Lungenkrankheit, die sich auf andere Organe ausweitet) Grund für ihren Aufenthalt. Kinder weisen fast immer neuropädiatrische Erkrankungen auf.

Einige von ihnen können dadurch nicht sprechen. Wie das Team mit ihnen kommuniziert und ihre Bedürfnisse erkennt, zeigt sich auf eindrückliche Weise, als Leiterin Clauss den 16-jährigen Ayush besucht. Der Junge liegt in seinem Bett, im Hintergrund läuft leise Radio. Clauss spricht ruhig mit ihm, dabei legt sie eine Hand sanft auf seine Brust. Als Ayush unruhig wird, hebt sie ihre Hand ein kleines Stück an, hält sie aber weiterhin über seinem Körper – und tatsächlich nehmen die ruckartigen Bewegungen ab. „Wenn er ruhig ist, ist er auch in seinem Körper präsent“, erklärt Clauss später. „Wenn er krampft, ist sein Bewusstsein woanders.“ Deshalb gehe sie mit der Hand dann aus der Berührung in etwas über, das sie Aura nennt: „Das ist das feinstoffliche Energiefeld um den Körper, über das wir Kontakt zur Seele eines Menschen aufnehmen können.“

Beim Gang durch das Hospiz fallen Aufschriften an den Türen auf. Jedes Gästezimmer ziert der Name einer Blume und ein dazugehöriges Bild – eine Tradition der Heilhaussiedlung, die die dort lebenden Menschen nicht zu einer bloßen Nummer verkommen lässt. Hinter einer der Türen wohnt seit zwei Monaten Clemens Vietor. Der 59-Jährige lebt mit einer schweren Lungenerkrankung. An schlechten Tagen bleibt er meist im Bett, an besseren geht er mit den im Hospiz lebenden Kindern in den Garten.

Über seine Situation spricht Vietor genauso offen, wie er seinen Mitmenschen gegenübertritt. „Mein Ziel ist es, wieder heimzukommen. Ob das realistisch ist, steht auf einem anderen Blatt, sagt er. „Ich habe keine Angst vor dem Tod, nur vor dem Wie. Wenn ich sterben würde, wäre mir wichtig, dass meine Schwester dabei ist und dass es ohne Leid passiert.“

Neslihan Geloglu war schon oft dabei, wenn Menschen gestorben sind. Die 28-Jährige arbeitet seit fast einem Jahr im Kasseler Hospiz, vorher war sie in einer Akutklinik im Einsatz. Das Besondere an ihrem Job ist für sie, zwischen verschiedenen Energien hin- und herzuwechseln. „In einem Zimmer begegnest du jemandem, der kurz vor dem Tod steht. Im nächsten ist jemand voller Leben. Darauf muss man sich immer wieder neu einstellen.“ Wie erlebt Geloglu die Momente, in denen jemand in ihrem Beisein stirbt? „Ich fühle vor allem Erleichterung und Frieden für die Person.“

Pro Jahr sterben im Hospiz zwischen 70 und 100 Menschen, sagt Leiterin Clauss. Dann gibt es ein Verabschiedungsritual. Vor das Zimmer der verstorbenen Person wird ein Licht gestellt, aus dem Raum werden alle Gebrauchsgegenstände wie Medizin und Fernseher entfernt. Dann bleibt es für einen Tag unberührt, bis der Bestatter den Toten abholt. Der Sarg wird mit Gesang vom zweiten Stock ins Erdgeschoss und zum Bestattungswagen begleitet.

Angehörigen schwer kranker und dort verstorbener Menschen bietet das Hospiz eine umfangreiche Trauerbegleitung an – vor und auch nach dem Tod. Gisela Bogdanowicz nimmt das gerne in Anspruch. Der Mann der 65-Jährigen ist an ALS erkrankt, sie besucht ihn jeden zweiten Tag. „Alle sind immer für uns da, sprechen mit mir und nehmen mich in den Arm. Es ist wie eine Familie“, sagt sie. „Als mein Mann hierhergekommen ist, dachte ich, dass er nicht mehr lange lebt. Doch hier fühlt er sich wohl, hat wieder Appetit bekommen. Das ist ein Wunder.“
LUCCA GÜNTHER