Teil einer Gemeinschaft sein

Frühling im Hospiz – das Leben zieht ein

Mit den ersten Gästen, die im April 2016 zu uns kamen, zog das Leben ins Hospiz ein: Nach vielen Jahren, in denen das Hospiz im Haus der Mitte geplant und gebaut wurde, wurde es nun zu einem Ort, in dem schwerkranke Kinder mit ihrer Familie umsorgt werden, Sterbende ihr Leben bis zu Ende leben und mit ihren Angehörigen begleitet werden. Erinnerungen an das erste Jahr:

Konzertbesuch im Raum der Mitte 

Schon bei der Planung des Hauses der Mitte mit dem Mehrgenerationenhospiz im obersten Stockwerk haben wir uns vorgestellt, dass bettlägerige Menschen, die im Hospiz zu Gast sind, bei einem Konzert dabei sein können. Als wir dann zum ersten Mal einen Hospiz-Gast in seinem Bett in den Raum der Mitte fahren konnten, waren alle Beteiligten sehr berührt. Für den Menschen, der im Sterben lag, war diese Möglichkeit unerwartet und neu. Zu erfahren, wie die Verbindung von Leben und Sterben im Heilhaus gelebt werden kann, hat auch die anderen KonzertbesucherInnen beglückt.

Begegnungen in der „Magnolie“

Auch in der Magnolie, der „Wohnküche“ des Mehrgenerationenhospizes, die als Ort der Begegnung gedacht war, wurden unsere Vorstellungen im Laufe dieses ersten Jahres Wirklichkeit: Gäste des Hospizes, ihre Angehörigen und Menschen aus der Gemeinschaft des Heilhauses treffen sich hier zum gemeinsamen Mittagessen, es wird ein Geburtstagsfest gefeiert oder Menschen, die im Haus der Mitte an einer Ausbildungsgruppe teilnehmen, kommen in ihren Pausen ins Hospiz, um Kaffee zu trinken.
Hier begegnet auch ein bettlägeriger Mann, der sich gerne in die Magnolie fahren lässt, um dort mit anderen zu frühstücken, einem kleinen schwer kranken Mädchen, das nicht mehr sprechen kann. Von anderen dazu eingeladen, beginnt der Mann, dem Mädchen ein Lied vorzusingen. Das Mädchen reagiert auf die Klänge, summt mit und schläft dann friedlich ein - zur Freude des Mannes, der nach sehr langer Zeit mal wieder ein Kind in den Schlaf singen konnte.
Oder die Familie eines Sterbenden kommt dort zusammen, um noch einmal miteinander zu essen. Mitunter kann der Sterbende nur eine kurze Weile dabei sein, bevor er sich wieder in sein Zimmer bringen lässt, während die Familie noch weiter zusammensitzt. Das Hospiz bietet den Angehörigen ein Zuhause auf Zeit, mit all dem, was sie in dieser besonderen Situation benötigen.

Eingebunden in die Heilhaus-Gemeinschaft

Menschen, die in der Siedlung am Heilhaus wohnen, begleiten das Sterben in ihrer Mitte, indem sie für Sterbende meditieren oder zusammenkommen, um Abschied zu nehmen, wenn der Sarg abgeholt wird. Die Gemeinschaft begleitet diesen Weg mit Ritualen (s. u.).
Verbundenheit zeigt sich, wenn zwei Geburtstage zusammen kommen: Menschen aus der Gemeinschaft singen im Garten für das eine Geburtstagskind ein Ständchen, während im Hospiz die Fenster geöffnet werden, so dass sich die Geburtstagskinder zuwinken können. Oder wenn ein Kind, das im Hospiz lebt, im Garten seinen Spaß hat, ein älterer Hospiz-Gast mit seinen Angehörigen hinzukommt, sich Menschen aus der Siedlung dazu gesellen, während ein anderes Kind aus einem Fenster des Hospizes auf die kleine Gruppe schaut und vergnügt vor sich hinsingt. In solchen Momenten wird erfahrbar, wie Leben und Sterben verbunden sind.

Eine neue Lebenssituation schaffen

Für einen alleinerziehenden Vater mit seinem Sohn, der nach einem Unfall schwerstbehindert ist, war es im vergangenen Jahr möglich, eine neue Lebenssituation zu schaffen. Vater und Sohn konnten in der bisherigen Wohnung nicht auf sich alleingestellt leben. Über einen runden Tisch mit allen Beteiligten wurde etwas Neues kreiert: Getragen von den Erfahrungen des Heilhauses in der Begleitung von Menschen in unterschiedlichsten Lebenssituationen wurde das Mehrgenerationenhospiz in der Zusammenarbeit mit dem Klinikum Kassel für Vater und Sohn zu einer neuen Heimat auf Zeit.

Kooperation und ehrenamtliche Unterstützung

Zahlreiche Menschen – auch über die Gemeinschaft des Heilhauses hinaus -  haben im letzten Jahr ihre Möglichkeiten entdeckt, im Hospiz als ehrenamtliche HelferInnen mitzuwirken. Manche haben dabei zunächst bestehende innere Hemmschwellen überwunden. Es bildeten sich vielfältige Formen der kontinuierlichen Begleitung: Menschen, die das Frühstück richten, die für die Gäste Besorgungen erledigen oder sie in den Garten begleiten.
Wir haben immer wieder erlebt, wie die Sterbeprozesse von einem großen Team getragen wurden. Das Team ist zusammengewachsen und hat sich in der Begleitung der Sterbenden und ihrer Angehörigen gefunden. Auch die Kooperation der Ärzte im Heilhaus mit anderen Medizinern in Kassel  hat sich auf gute Weise gestärkt.

Hospiz als Lebensort

Im April 2016 haben wir einen 16-jährigen türkischen Jungen als ersten Gast im Mehrgenerationenhospiz aufgenommen. Seit Eröffnung sind 40 Erwachsene, fünf Jugendliche und zwei Kinder als Gäste ins Hospiz gekommen. Und mit ihnen ihre Angehörigen. Das Team aus Pflegenden, ÄrztInnen und ehrenamtlich Helfenden hat in diesem ersten Jahr 31 Menschen in ihrem Sterben begleitet. Die Kinder, die zur Entlastung ihrer Familien für eine Zeit im Hospiz leben, wurden teilweise auch in der benachbarten Schule für schwer kranke Kinder im Heilhaus begleitet.
Das Leben im Hospiz hat begonnen. Das Hospiz ist der Lebensort geworden, den wir uns gewünscht haben. Die Hoffnung beim Bau des Hauses der Mitte war, dass sich Leben und Sterben verbinden und auf einander einwirken möge – und so geschieht es.
 


 

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