„Nie habe ich so leise gespielt!"

Hier stellen wir Künstlerinnen und Künstler vor, die mit ihrem Wirken Aspekte des Sterbens aufnehmen und die Arbeit im Hospiz auf die eine oder andere Weise unterstützen. Regine von Lühmann ist Musikerin und seit einiger Zeit als Musiktherapeutin im Mehrgenerationenhospiz tätig. Ihre Kunst ist das Zuhören, das Wahrnehmen. Lesen Sie ihre Geschichte:
 

Der Weg der Künstlerin

Die Künstlerin in mir folgt einem roten Faden. Ich habe ursprünglich Musik studiert, um als Kontrabassistin in einem Orchester zu spielen. Dann habe ich mehrere Jahre auf der Bühne gestanden und konzertiert: Orchester, Kammermusik, solistisch, kabarettistisch. Ich habe dann begonnen zu unterrichten. Diejenigen, denen das Lernen am schwersten fiel, waren mir dabei die liebsten Schüler. Mein Herz hat immer für die geschlagen, die sich so sehr bemühen mussten. Die Kinder, die mit einer Behinderung lebten, haben mich dahin geführt, Menschen immer mehr in ihrem individuellen Zugang zur Musik zu begleiten und zu fördern – und ihnen nichts mehr „beibringen“ zu wollen.
Dann habe ich zunehmend mit Menschen gearbeitet, die nicht mehr im herkömmlichen Sinn kommunizieren können. Ich wende mich immer mehr an die seelische, überpersönliche Ebene eines Menschen. Daraus ist neben einer fundierten Ausbildung eine spirituelle Form der Musiktherapie entstanden. Dabei geht es darum, mich als Person zurück zu nehmen und mich immer mehr zur Verfügung zu stellen. Wenn ich zu einem Menschen komme, sind die ersten Fragen: Was braucht der Mensch mir gegenüber? Welche Energie schwingt in diesem Raum?  Und wie kann ich mich ganz in den Dienst dieser Kraft stellen?
Ich bin eine Musikerin geworden, die immer weniger Musik macht und immer mehr die Musik ist. Dazu passt der Schritt, nun als Musiktherapeutin im Hospiz mit Musik und Klängen tätig zu sein, zu wirken und in heilender Weise für die Menschen da zu sein.

Die Begleitung von Sterbenden

Im Mehrgenerationenhospiz spiele ich oft im „Achteck“ oder im „Kreuz“, zwei zentrale Orte im Hospiz. Die Musik klingt dann durch die Räume, und ein Gefühl des Friedens entsteht. Durch das Harfespiel kann sich das gesamte Feld beruhigen und klären.
Als Begleiterin gehe ich mit der Schwingung, die der schwerkranke oder sterbende Mensch bestimmt. Da es darum geht, sehr feine, subtile Stimmungen zu erspüren, ist mir Behutsamkeit sehr wichtig. So hat eine Frau an einem bestimmten Punkt ihres Prozesses das Signal gegeben, sehr leise zu spielen. Ich habe dann nur noch mit einem „Bogenhaar“ gespielt, wie man als Streicher sagt. Ein Teil von mir sagte, man hört doch eigentlich nichts mehr. Der andere Teil ist den Wünschen dieser Frau gefolgt. Nie habe ich so leise gespielt – und es war stimmig.
Im Hospiz begegne ich häufig Menschen, die sich nicht mehr äußern können. Über mein Hinspüren suche ich einen Zugang zu dem Menschen, für den ich spiele. Ich versuche herauszufinden, welche Musik oder welche Klänge für ihn stimmig sind. Dabei geht es um eine Kommunikation auf einer feinstofflichen, musikalischen Ebene. Ich versuche, etwas aufzunehmen, wahrzunehmen und darauf zu resonieren, zu spiegeln. „Ich sehe dich, ich nehme dich wahr und ich tue gerne etwas für dich, was dir hilfreich ist.“
Als Musikerin habe ich eine große Bandbreite an Ausdrucksmöglichkeiten, so dass ich die kleinsten Schwingungen im Kontakt mit den sterbenden Menschen in Klänge umsetzen kann. Es ist wie beim Basteln, wo etwas anderes entstehen kann, wenn ich neben Papier und Kleber auch noch Federn und Perlen zur Verfügung habe. Die Musikerin kann das gesamte Handwerkszeug zur Verfügung stellen. Das Wichtige aber ist die Beziehungsebene, auf der bis zum Ende eines Lebens feinste Formen der Kommunikation stattfinden.

 

Deutsch (Deutschland)