Sterben als Geburt in etwas Neues

Ostern als Qualität im Sterben

Die Kraft der Jahreszeiten begleitet uns im Leben. Das gilt auch für die Lebensspanne, die wir im Sterben zu durchwandern haben. In der Osterzeit zeigt sich dieser Kreislauf von Geburt – Leben – Sterben auch im Hospiz sehr deutlich. Viviane Clauss, Leiterin des Mehrgenerationenhospizes über die Hoffnung im Sterbeprozess:
Begegnen wir im Sterben dem Schmerz, der Verlassenheit und der Einsamkeit des Menschen, so steht „Ostern“ für die Wiedergeburt oder den Neubeginn, der jedem Sterbeprozess innewohnt. Die Seele eines Menschen im Sterben zu begleiten bedeutet für uns, diese Qualität von Ostern mitzunehmen. Es ist der Zuversichtskeim, der uns in jedem Sterben begegnet. Glaube, Liebe und Hoffnung gehören zusammen.
In diesem Bewusstsein wirken und leben die Menschen im Heilhaus und der benachbarten Siedlung. Es liegt auch den Ritualen zugrunde, mit denen wir den Tod begleiten. Sei es die Blume, die wir als ein Zeichen des Lebens zum Toten in den Sarg legen oder ein Lied der Hoffnung, das wir singen, wenn der Bestattungswagen den Hof verlässt: „Das ist das Wunderbare, das jeder Menschen eine Seele hat, die mit dem Kosmos verbunden ist!“
Im Mehrgenerationenhospiz ist der Kreislauf von Geburt-Leben-Sterben in vielfältiger Weise auch in der Architektur verankert. Es gibt einen Lichtkanal, der den Raum der Mitte, einem Ort an dem Tagungen, Meditationen, Konzerte und Fortbildungen stattfinden, mit dem Hospiz und schließlich mit der Dachterrasse über dem Hospiz verbindet. Auf diese Weise entsteht ein Austausch: Menschen, die während eines Treffens der Gemeinschaft nach oben schauen und sich die alltägliche Präsenz des Abschieds und der Endlichkeit bewusst werden, während die Gäste und Mitarbeitenden im Hospiz hinunter auf die Kerze im Raum der Mitte schauen und sich mit dem Fortgang des Lebens verbinden können.

Die Seele eines Menschen begleiten

In der Geschichte von Frau B. zeigt sich auf verschiedenen Ebenen, was im ersten Jahr im Mehrgenerationenhospiz bereits entstanden ist.
Frau B. kam mit einer sehr schweren Krebserkrankung ins Mehrgenerationenhospiz. Nach einer langen Zeit der Krankenhausaufenthalte und der Suche nach den besten medizinischen Verfahren war die Familie nun an einen Ort angekommen, wo es nicht mehr um kurative Möglichkeiten ging.
Auf der medizinischen Ebene hieß es, dass sich Frau B. darauf einzustellen habe, zu verbluten oder zu ersticken. Über der Familie schwebte angesichts dieser Unglaublichkeit ein großer Schrecken. Die Angehörigen fragten: „Können Sie uns sagen, wie man sich auf so etwas einstellen soll?!“
Steht eine solche, medizinisch richtige Aussage alleine im Raum ohne die Dimension der Hoffnung und des Geistes, erscheinen Tapferkeit als einzig mögliche Haltung und ein schnell wirkendes Medikament, das das Bewusstsein nimmt, als Rettung.
Wie lebt man also mit einer solchen Prognose? Unser Ansatz basiert auf der Erfahrung, dass der Geist stärker ist als die Materie. Neben dem Blick auf die Möglichkeiten der Medizin, gibt es auch die Hinwendung an den Geist, eine Bitte, die wir an das Leben haben: „Möge der Tod gnädig sein!“. Dann hat auch die Hoffnung ihren Raum, dass die Todkranke in einem stillen Moment sanft hinüber gleitet.
Wenn die Angehörigen einen solchen Gedanken mit in ihre Vorstellungen nehmen, ist eine neue Ebene da. Dann geben wir der Liebe einen Platz und reduzieren uns nicht auf die Ebene des Körpers.
Frau B. hat dann mehrmals bewusst miterlebt, dass starke Blutungen auftraten. Gestorben ist sie ganz sanft. In diesem Sterbeprozess konnten wir erleben, wie sich der Kreislauf von Geburt, Leben und Sterben immer wieder vollzieht.
Auch hierin liegt ein Zuversichtskeim für das Weiterleben: der Sterbeprozess von Frau B. ist die Geschichte einer Familie, die über mehrere Generationen immer wieder mit tödlichem Krebs konfrontiert war, und nun zum ersten Mal den Abschied leben konnte. Der Lebensgefährte, der in seinem beruflichen Leben viele schreckliche Tode gesehen hat, konnte eine neue Erfahrung machen, wie Sterben und Tod gelebt werden kann. So kommt das Leben aus dem Sterben, der Frühling aus dem Winter wieder hervor.

 

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